Offener Brief der ErzieherInnen von Kita Bremen

Offener Brief an die Landesfrauenbeauftragte Frau Hauffe

Sehr geehrte Frau Hauffe,

Wir streikenden ErzieherInnen und Mütter der städtischen Kita wenden uns heute an Sie, um Ihnen deutlich zu machen, warum dieser Arbeitskampf für uns Bremer Frauen so wichtig ist.

Beim städt. Eigenbetrieb Kita Bremen arbeiten 1275 Frauen (92,3% der Beschäftigten).Zur Zeit sind 75 % der ErzieherInnen teilzeitbeschäftigt, - in der Regel zwischen 20 –30 Wochenstunden - überwiegend auf unfreiwilliger Basis, da die Ganztagsarbeitsplätze immer mehr abgebaut werden.
Eine KollegIn unter 30 Jahren verdient mit 24 Wochenstunden netto ca. 835,- €.
Um ihre Existenz zu sichern, sind viele KollegInnen gezwungen eine zweite Arbeitsstelle anzunehmen. Die ausschließlich für die Tätigkeit mit Kindern gebrauchte Arbeitskraft wird geteilt. Sie fehlt für die Konzentration auf die berechtigten Anforderungen der Kinder und ihrer Familien nach hohen Qualitätsstandards in den Kita.

120 KollegInnen sind z.Zt. befristet angestellt. Ihnen droht jedes Jahr aufs Neue der Verlust des Arbeitsplatzes bzw. die Reduzierung ihrer Wochenstunden (bei zahlreichen KollegInnen schon seit 6 Jahren). Auch dieses Jahr sind durch den Abbau von ca. 200 Kita- Plätzen und die weitere Umwandlung von Ganztags- in Teilzeitplätzen 30 Arbeitsplätze gefährdet.
Viele ältere KollegInnen würden gerne für die jüngeren KollegInnen Platz machen und Altersteilzeit in Anspruch nehmen, aber das ist ihnen verwehrt.

Was droht uns nun durch den Arbeitgeber?
Die Arbeitgeber wollen die Arbeitszeit von 38,5 Wochenstunden auf 40 Wochenstunden erhöhen und das Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld reduzieren bzw. streichen. Dadurch droht Arbeitsplatzabbau und Reallohnverlust und eine massive Verschlechterung der pädagogischen Qualität der Kitas.

Die KollegInnen werden durch längere Wochenarbeitszeiten belastet.
Für Kita Bremen bedeutet dies den Verlust von 30 Arbeitsplätzen zusätzlich.
Weniger KollegInnen und zunehmend ältere KollegInnen müssen die
anspruchvollen Aufgaben in der Kita leisten. Teilzeitbeschäftigte KollegInnen erhalten keine Arbeitszeiterhöhung sondern eine entsprechende Gehaltskürzung von 4 Prozent%.
Mit der zusätzlichen Streichung des Weihnachtsgeldes und Urlaubsgeldes verdient eine ErzieherIn in Bremen 13% weniger als eine ErzieherIn in Niedersachsen.

Bei unseren 120 neu eingestellten KollegInnen ist dies schon Realität. Hier bedient sich der Arbeitgeber schon länger. Sie erhalten jetzt schon kein Weihnachts- und Urlaubsgeld und müssen auf der Basis von 40 Wochenstunden arbeiten.

Die Erzieherin ist bei einem Betreuungsschlüssel von 1 Erzieherin und 20 Kindern schon jetzt sehr belastet. Von allen Seiten wird eine qualitative Verbesserung der Bildungs- und Betreuungsangebote in den Kita gefordert. Diese Anforderungen sind berechtigt, aber dafür benötigen wir eine gute personelle Ausstattung mit sicheren Arbeitsplätzen, guten Arbeitsbedingungen und angemessener Bezahlung.

Personalabbau und Lohneinbußen fördern dies nicht.
Im Gegenteil – sie machen den Beruf der ErzieherIn unattraktiv.

Betroffen sind Frauen in dieser Stadt aber nicht nur von
Arbeitsplatzabbau und Reallohnverlusten. Es fehlt den Frauen in dieser Stadt auch ein bedarfsgerechtes Kitaangebot. Insbesondere fehlen Plätze für Kinder unter 3 Jahren und Schulkinder,
Ganztagsplätze besonders in den benachteiligten Gebieten und ebenso ein Ferienangebot für alle Kinder.

Zur Zeit wird der Ausbau der Betreuungs- und Bildungsangeboten in der Kita für berufstätige, insbesondere hochqualifizierte Frauen
vorangetrieben. Das ist gut um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen und diesen Frauen zu ermöglichen zu arbeiten. Gleichzeitig werden in sozio – kulturell benachteiligten Gebieten Ganztagsplätze und integrative Förderung abgebaut und auf den Ausbau von Plätzen bei den Kindern unter 3-Jährigen verzichtet.
Die vorhandenen Mittel werden zugunsten von Angeboten für betriebsnahe, private Einrichtungen (z.B. Kindergruppe der IUB, des Technologieparks, der City – Kids usw.) verwendet.

Aber auch Frauen in den sozio – kulturell benachteiligten Gebieten brauchen Unterstützung und Hilfe, um Ihre Lebenssituation zu bewältigen und ihren Kindern bessere Chancen zu ermöglichen.

Den Erzieherinnen/Müttern bei Kita Bremen fehlt ein familiengerechter Arbeitsplatz, der auch Ihnen ermöglicht ihren Beruf mit der Betreuung ihres eigenen Kindes in Einklang zu bringen. Politik und Eltern fordern ein flexibleres Angebot in der Kita, das die individuellen Betreuungsbedarfe verlässlich sichert. Um dies zu ermöglichen werden immer mehr ErzieherInnen gebraucht, die flexibel und kapazitätsorientiert – von Montag um 7.00 Uhr bis Freitag um 17.00 Uhr - für die Betreuung zur Verfügung stehen.
ErzieherInnen mit kleinen Kindern, die aus der Elterzeit in ihren Beruf wieder einsteigen wollen, haben meistens den Wunsch Teilzeit vormittags zu arbeiten. Ihnen wird überwiegend ein Arbeitsplatz angeboten, der zwar der gewünschten Stundenzahl entspricht, der aber hohe Flexibilität und meist Nachmittagsdienst erfordert. Können die KollegInnen diese
Arbeitsangebote mit ihrer Kinderbetreuung nicht vereinbaren, bleibt nur noch die Möglichkeit der weiteren Beurlaubung oder der ständige Spagat zwischen Familie und Beruf.

Sehr geehrte Frau Hauffe,
wir fordern sie auf, für uns tätig zu werden und unsere Forderungen zu unterstützen

Für angemessene Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen für unsere Arbeit
Für die Sicherung unserer Arbeitsplätze in den KiTa
Für die Verbesserung der Qualität der Arbeit in den KiTa
Für familiengerechte Arbeitsplätze für die ErzieherInnen von Kita Bremen
Für einen gemeinsamen Tarifvertrag, den TvÖD, für alle KollegInnen in den KiTa
Für eine Möglichkeit der Inanspruchnahme von Altersteilzeit bei Kita Bremen
Für ein bedarfsgerechtes Angebot für alle Frauen dieser Stadt

Am 18. und 19. 05.06 werden endlich die Verhandlungen zwischen den Finanzministern der Länder und Verdi wieder aufgenommen, bitte wirken Sie im Rahmen ihrer Möglichkeit auf die Vertreter Bremens ein, um ein Tarifergebnis - den TvÖD für alle ArbeitnehmerInnen ohne Arbeitszeiterhöhung und Gehaltskürzung - zu erreichen.

Die ErzieherInnen von Kita Bremen
15.05.06